Mary Hartwig


 » Ohne Titel (Der Vogel) «


Die Arbeiten Mary Hartwigs heben sich nicht nur aus der Werkgruppe blinder Fotografen,
sondern aus dem gesamten Rahmen der Ausstellung deutlich heraus, weil die hier verwirklichte,
äußerst ausgeklügelte Lichtführung etwas von der Magie zeigt, die hinter dem
Begriff vom Sehen liegt. Man hat Jahrhunderte in der Kunstgeschichte zu durchmessen,
bis man bei Alten Meistern der Malerei eine vergleichbare Lichtwirkung findet. Obwohl
eine sehr bescheiden auftretende Frau, ist Mary Hartwig schon jetzt zu den wegweisenden
Vertreterinnen der Fotografie unserer Zeit zu zählen.
Das Bild „Ohne Titel (Der Vogel)“ von 2018 hat, auch wenn vielleicht absichtslos, Züge eines
Selbstportraits und ist damit auch ein Vermächtnis der Künstlerin. Ein Mensch, kaum
Mann noch Frau, liegt auf einer Liege, bedeckt von leichtem Tuch und noch leichterem,
sehr warmem Licht von einem Goldton, der zugleich Sehnsucht und Geborgenheit ausdrückt.
Diesem Menschen sieht man den Frieden an, in dem er lebt und in dem er vertrauensvoll
schläft. Es ist die Apotheose der Hingabe an das Sein.
Und doch zeigt dieses Bild im linken Bereich über dem Kopf des schlafenden Menschen
dessen unmittelbare Bedrohung, denn hier bilden ungeordnete Lichtspuren eine Form wie
den Kopf einer Raubkatze, die in diesen Frieden eingreift. Das mag Zufall sein, aber das ist
auch die Art, wie das Schicksal manchmal auf sich selbst verweist.