KOSCHIES


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Die Arbeiten des Künstlerehepaars Koschies gehören zu einem Bereich experimenteller
Kunst, bei der eine Raumachse durch die Zeitachse ausgetauscht wird. Als fotografische
Technik dient dabei das Slitscan-Verfahren, das historisch auf Panoramakameras zurückgeht,
die ab 1843 nachweisbar sind. Der Film wird hinter einem schmalen Streifen bewegt
und dadurch kontinuierlich belichtet. Ein Zeitablauf wird dadurch „mitgeschrieben“; während
bei Langbelichtungen das Statische scharf abgebildet wird und das Bewegte verschwimmt,
ist es hier umgekehrt – es gibt ein Vorher und ein Nachher nebeneinander auf
demselben Bild.
Die beiden Künstler haben bereits vor etlichen Jahren mit dieser Technik viel Aufsehen erregt,
weil sie Zeit auf neuartige Weise sichtbar gemacht und dadurch eine neue Bildästhetik
angeboten haben. Inzwischen arbeiten sie auch digital, was ihnen Farbaufnahmen ermöglicht.
Für die Wiesbadener Fototage haben sie eine Serie von Portraits ausgewählt. Hierbei
sieht man, wie etwa auch in den Werken Picassos, verschiedene Bereiche des Kopfes, der
für die Aufnahme sozusagen abgerollt wird, gleichzeitig. Das erlaubt nicht nur eine Ansicht
des „ganzen“ Kopfs, sondern bietet auch eine völlig neuartige Gestaltungssprache an, weil
der Betrachter die optische Deformierung nicht unmittelbar entschlüsseln kann. Unter
Umständen werden auf diese Weise Persönlichkeitsaspekte der dargestellten Menschen
erkennbar, die in der konventionellen Portraitfotografie weitgehend verborgen bleiben.
Die auf diese Weise fotografierten Portraits zeichnen sich durch eine verstörende Präsenz
und Wucht aus; die Unterschiedlichkeit der Blickrichtungen kann den Eindruck des
Schielens erwecken, weil bei jedem Bild eben ein zeitlicher Ablauf zu sehen ist, der in der
Momentfotografie nicht zum Tragen kommt.