Brigitta Fiesel


AE – alter ego

 

In dem ihr sehr vertrauten Dvigrad, Istrien, hat Brigitta Fiesel im Spätsommer 2017 den
Versuch unternommen, so zu fotografieren, als wäre sie blind. Aus dem sich daraus ergebenden
Unvermögen, schon während der Aufnahme das Ergebnis zu kontrollieren, entstanden
Bilder, die erschütternde Einblicke ins Unterbewußte geben. „Es sind verstörende
Bilder, sie erinnern mich an Fritz Langs ‚Metropolis‘„, schreibt Brigitta Fiesel dazu, „sie
zeigen neben dem Licht, das stets die Qualität von physischer Fassbarkeit hat, viel Dunkelheit
und auch Haltlosigkeit, bis hin zu Bodenlosigkeit.“
Diese Arbeiten wurden nicht einfach nur mit geschlossenen Augen gemacht. Es ging der
Künstlerin dabei um eine aktive, teilnehmende Auseinandersetzung mit dem Thema „blinde
Fotografie“. Sie wollte herausfinden, was blinde Fotografen tun, was sie empfinden, wo
ihre Wahrnehmung liegt. Daher hat sie die Augen geschlossen und sich dabei auf Lichteindrücke,
Düfte, Geräusche und andere physische Reize konzentriert und nahezu alles
aufgegeben, was ihre fotografische Arbeit normalerweise kennzeichnet. Nur die ersten
Versuche hat sie sofort begutachtet, den Rest erst mit etwas Abstand am Abend.
Auch wenn die Arbeitstechnik blinder Fotografen oft anders ist, beispielsweise mit genauen
Arrangements und einem Assistenten, der beschreibt, was auf dem Kameradisplay zu
sehen ist, gelang es Brigitta Fiesel mit ihrem Experiment, in einen Bereich vorzustoßen,
der Sehenden normalerweise verborgen bleibt. Der Verzicht auf die unmittelbare Motivkontrolle
eröffnet den Blick auf etwas Dahinterliegendes, das sich dem Sehen normalerweise
entzieht. Ihre Arbeiten aus diesem Projekt wirken unwirklich und dystopisch, sie beziehen
ihre Darstellungskraft aus der Befreiung von allen bildnerischen Einschränkungen.