»Wenn es keine Vorbilder gibt, muss man eine Vision haben und den Mut zum Experiment«. Im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau zum Start der zweiten Auflage der Wiesbadener Fototage 2003 beschrieb Reinhard Berg seine Idee, die ihn im Jahr zuvor zum Gründer dieses künstlerisch ambitionierten Projekts machte.

 

Wie viel Avantgarde in diesem Projekt steckte, zeigt der Blick auf die damalige Fotofestivallandschaft: Die »Hertener Fototage« wurden 2001 eingestellt. Das »Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg« und die »Darmstädter Tage der Fotografie« wurden beide 2005 gegründet. Die »RAY Fotografieprojekte Frankfurt Rhein/Main« sind seit 2015 am Start und damit das jüngste Festival in der Metropolregion Rhein-Main.

 


Grenzgang Fotokunst  I  11-2019
Das Ausloten von Grenzen ist seit jeher immanenter Bestandteil von Fotokunst. Die 11. Wiesbadener Fototage machten dies nun selbst zum Thema, wobei Finnland in diesem Jahr mit 12 vielschichtigen fotografischen Positionen den diesjährigen Länderschwerpunkt bildete. Die grundsätzliche Fragestellung mit welchen Grenzgängen – inhaltlichen sowie fotografischen – sich die Fotografen auseinandersetzen bildet den Ausgangspunkt und Kern der Fototage.

 

Einen Höhepunkt der Fototage stellten zweifellos die Arbeiten des Fotostudios für Blinde Fotografen aus Berlin mit Susanne Emmermann, Mary Hartwig, Silja Korn und Gerald Pirner dar. Zu insgesamt fünf verschiedenen Ausstellungsorten wurde das Publikum eingeladen, die jeweiligen Grenzgänge von insgesamt 57 Fotografinnen und Fotografen zu entdecken.


Insight  I  10-2017
Nun feiern die Macher die 10. Wiesbadener Fototage. Mit dem für diesen Anlass gewählten Thema »Insight« schließt sich ein Kreis – geht es doch um die Grundidee der Fototage: dem Herstellen eines Dialogs zwischen Fotokünstler*innen und Publikum. So schreibt Alexander Glück:

 

»Dieses gemeinsame Eröffnen und gewinnen von Einblicken ist ein zutiefst kommunikativer Vorgang, im Grund eine Form stiller Zwiesprache und als solche eigentlich der Kern dessen, was mit den Wiesbadener Fototagen seit ihrer Entstehung beabsichtigt war: Künstler*innen und Publikum miteinander in den Dialog treten zu lassen.«


Heimat X 9-2015
Mit den 9. Wiesbadener Fototagen kam es zu einer deutlichen Reduktion der Ausstellungsorte. Zu viele Beteiligte und Ausstellungsorte machten den Kontakt und einen persönlichen Austausch mit den oft von weit her gereisten Fotografinnen und Fotografen nahezu unmöglich. Umgekehrt muss Masse nicht gleichbedeutend sein mit künstlerischer Klasse, durch die Reduzierung sollte die Qualität der gezeigten Arbeiten erhöht werden.

 

Die fotografischen Beiträge zum Thema haben gezeigt, dass Heimat heute subjektiv über den jeweiligen Lebensentwurf definiert wird; das X steht dabei für alles, was über den kollektiven Begriff von Familie und Geburtsort hinausgeht. Die mittlerweile bekannte Fotokünstlerin Loredana Nemes präsentierte zwei Serien zum Thema an verschiedenen Ausstellungsorten. Durch eine Erhöhung des Preisgeldes der SV-Sparkassen-Versicherung konnte der Publikumspreis um einen Preis der Jury ergänzt werden. Zuwachs hat auch die Jury bekommen: Erstmals konnte der Bildchef der Zeitschrift »Stern«, Andreas Trampe, für dieses Gremium gewonnen werden. Er gehört seither der Jury an.


Lauf der Zeit  I  8-2013

»Photographie ist das einzige Medium, das aus seinen eigenen technischen Aspekten heraus das Phänomen Zeit adäquat darstellen kann«, schrieb Alexander Glück im Vorwort zum Katalog der 8. Wiesbadener Fototage, die sich dem»Lauf der Zeit« widmeten. Die Hochschule Rhein-Main war in diesem Jahr mit ihrer Fotoklasse Kooperationspartner, deren Arbeiten in den Räumen des Alten Gerichtsgebäudes ausgestellt wurden. Zu philosophischen Exkursen konnte die Aufgabenstellung verleiten, denn bei richtiger Belichtungszeit kreuzen sich in jeder Momentaufnahme Vergangenheit und Zukunft. Sinnigerweise fand die Abschlussveranstaltung im Alten Gericht in der Moritzstraße statt, in dessen beklemmend-hässlichen Räumen einst Zeitstrafen verhängt wurden und das selbst lange auf eine neue Verwendung warten musste. Genauso wie etwa die verwahrlosten Innereien heruntergekommener Gebäude, die ein fotografisch-archivalisches Projekt aus der südenglischen Partnerstadt Turnbridge Wells während der Festivaltage an diesem Ort zeigte.


Wagnis Fotografie 7-2011
Während der Planungen für das neue Thema der Fototage: »Wagnis Fotografie« ahnten die Fototage-Macher noch nicht, welche Brisanz dieses Thema erhalten würde. Die Serie mit Handy-Fotos, die Beteiligte von Demonstrationen während des sog. »Arabischen Frühlings« gemacht hatten, waren eine seinerzeit durchaus nicht ungefährliche Form von Reportage- und Dokumentarfotografie. Die Serie erhielt verdientermaßen den Publikumspreis.

 

Rückblickend betrachtet erhält die Arbeit: »Letzte Hürde Calais - Europas illegalisierte Migranten« von Philip Eichler besondere Aktualität. Ihm ist es gelungen, die Lebensbedingungen der Migranten in diesem Lager einzufangen. Mit einem Professor der Ecole des Beaus-Arts de Bordeaux und einer Gruppe seiner Studenten, die im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst ausstellten, wurde Frankreich zum Länderschwerpunkt in 2011.

 

Um das Thema »Wagnis« nicht nur auf politische Themen einzuengen, wurden unter anderem auch die sehr intimen Arbeiten von Katharina Bosse, Professorin an der Bielefelder Hochschule für Fotografie, zum Thema »Mutterschaft« gezeigt.


Inszenierte Fotografie 6-2009
Bei der Inszenierten Fotografie, einem klassischen Thema der Fotokunst, handelt es sich um die Gestaltung von Raum, Zeit und Figur. Im Zentrum des Spiels mit dem Schaffen neuer oder anderer Wirklichkeiten steht der Mensch, einem immer wieder zentralen Thema der Fototage.

 

Den Länderschwerpunkt des Festivals bildete Italien. Die fünf italienischen Fotografen, allesamt mit internationaler Ausstellungserfahrung, konnten in der Galerie des Rathauses im Zentrum der Stadt präsentiert werden. Besonders beeindruckte Roberto Kusterle mit seinen ungewöhnlichen Inszenierungen. Ebenfalls neu: Ein »Wiesbaden-Pavillon« gedacht als Ausstellungsplattform für Wiesbadener Fotografinnen und Fotografen.


EGO - Fotografische Positionen zum ICH 5-2007
Mit der Umstellung auf einen Biennnale-Turnus wollten die Verantwortlichen auch der stetig gewachsenen Selbstausbeutung begegnen – wurde die Teilnehmerzahl 2007 noch einmal fast verdoppelt: 70 fotografische Positionen zum »ICH« waren an 25 Orten zu sehen, renommierte Galerien der Stadt wie Rother und Witzel, später auch Hafemann, und die Galerie photonet waren nun mit dabei, schon länger auch das Frauen Museum Wiesbaden. Um diese immense Arbeit überhaupt bewerkstelligen zu können wurde der Organisationsteam nochmals um folgende ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erweitert: Jürgen Kaucher, Dr. Pia Neumann, Lisa Farkas und Hajo Weber.

 

Der international bekannte Fotograf Roger Balen aus den USA faszinierte mit seiner Arbeit »Shadow Chamber«. Polen bildete mit Wiesbadens Partnerstadt Breslau mit gleich zehn Fotokünstlern von der Breslauer Hochschule im Projektbüro Stadtmuseum wiederum einen besonderen Schwerpunkt.

 

Der erstmals 2007 ausgeschriebene Publikumspreis, zunächst gestiftet von der Wiesbadener Volksbank, wurde später von der SV Sparkassen Versicherung übernommen. Die »Kultur(bus)linie 1«, eine Erfindung Reinhard Bergs, verband die Galerien entlang des Kaiser-Friedrich-Rings fast bis hin zur Peripherie, dem Thalhaus. Diese Linie wurde von den ESWE Verkehrsbetrieben eingerichtet und später auch übernommen.

 

Während der 5. Wiesbadener Fototage konnte ein herausragendes fotografisches Projekt im öffentlichen Raum realisiert werden: »Wiesbaden zeigt Gesicht«. Das Fotografenteam: Reinhard Berg, Frank Deubel, Iris Kaczmarczyk und Hajo Weber richtete in der ehemaligen Verkehrsschule am Platz der Deutschen Einheit ein Fotostudio ein – verbunden mit der Einladung an Wiesbadener Bürgerinnen und Bürger, sich fotografieren zu lassen. Über 600 Personen haben sich an dieser Aktion beteiligt, die über mehrere Wochen lief. Am Ende waren alle Schaufenster mit den portraitierten Menschen gefüllt. Nach mehreren Jahren der Präsenz im Schaufenster wurden die Portraits an die Bürgerinnen und Bürger zurückgegeben. Diese außerordentliche Kunstaktion wurde durch das Kulturamt und das Medienzentrum Wiesbaden unterstützt.


Deutschlandbilder  I  4-2005
Es ist ein sicheres Zeichen für die Etablierung einer privat initiierten Veranstaltung in der lokalen und regionalen Kulturlandschaft, wenn Flaggschiffe des staatlich subventionierten Kulturbetriebs auch daran teilhaben.

 

Zu den 4. Wiesbadener Fototagen (10.9. bis 2.10. 2005) steuerte das Landesmuseum Wiesbaden eine Sonderausstellung mit Fotografien von Barbara Klemm bei. Und am anderen Ende der Rheinstraße öffnete die Ringkirche ihre Pforten für die »Deutschlandbilder«. Das Festival hatte sich endgültig als Kulturmarke durchgesetzt und bespielte flächendeckend den gesamten Stadtraum. Das neu eröffnete Kunsthaus am Schulberg kam bald als einer der bis heute zentralen Ausstellungsorte hinzu, ebenso das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst in der Rheinstraße. Schon 2005 war die Bandbreite des Gezeigten extrem gewachsen. Insgesamt 37 Teilnehmer porträtierten das Ungewöhnliche im eigenen oder fremden Land, konzeptuelle Ansätze wie z.B. eine Camera-obscura-Korrespondenz fanden sich neben Reisereportage und (»blühender«) Landschaftsfotografie mit ostdeutschen Investitionsruinen, verlorenen Urlaubsparadiesen und schrägen Wohnwelten.

 

Zahlreiche junge Fotografinnen und Fotografen – zu dieser Zeit noch unbekannt – sind mittlerweile in bedeutenden fotografischen Sammlungen vertreten; so z.B. Loredana Nemes, die in diesem Jahr ihre »Aufnahmen aus dem Untergrund« zeigte.


Afrikanische Fotografie 3-2004

Als Schirmfrau der 3. Wiesbadener Fototage konnte Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul gewonnen werden. Die gewachsene Professionalisierung und Erweiterung des Spektrums war schon bei der Auswahl der fotografischen Ansätze zu erkennen. Dokumentarische Reportagebilder einheimischer Fotografen, etwa aus Kriegsgebieten im Norden Ugandas, fanden sich neben europäischen »Sichtweisen« auf das faszinierende Fremde.

 

Der international bekannte nigerianische Fotokünstler und Träger der Goethe-Medaille Akinbode Akinbiyi und Jürgen Schadeberg aus Südafrika zählten zu den profiliertesten Fotografen des Festivals. Da sich die Fototage konkreter politisch positionierten, gewann das Rahmenprogramm an zusätzlicher Bedeutung. Workshops mit ausstellenden Künstler*innen und Führungen wurden durchgeführt, darunter auch solche für Schulklassen; in Oberstufen-Leistungskursen sollte das Interesse der Schüler für das Medium geweckt. werden. Die anfangs veranstalteten Symposien hatten sich für einen intensiven Diskurs mit dem Publikum als ungeeignet erwiesen und wurden in den letzten Jahren durch Fotografengespräche ersetzt. Die Themenausstellungen wurden durch die Reihe »Fotografie im Film« der Caligari FilmBühne mit entsprechenden Filmen ergänzt. Diese Reihe wurde bis 2007 von Günther Wagner moderiert und ist noch heute fester Bestandteil der Wiesbadener Fototage.


Polnische Fotografie  I  2-2003
Den 2. Wiesbadener Fototagen (6.9. bis 6.10. 2003) ging der 1. Niederschlesische Fotoworkshop zum Thema »Untragbare Kunst« voraus. Zehn polnische und vier deutsche Fotografinnen und Fotografen trafen sich zu einer einwöchigen Session in Przesieka bei Jelenia Góra (Hirschberg) im Riesengebirge, und eine etwas ungewöhnliche Modenschau lieferte den passenden Titel. Als Teilnehmer der polnischen Fotografen ist der international bekannte Fotograf und World Press Photo-Preisträger Chris Niedenthal zu erwähnen. Eine polnische Hochschule stellte extrem ungewöhnliche, ja fast untragbare Kreationen aus Metall und Gummi zu Verfügung, die von zwei Models getragen wurden. Studio und schöne Naturkulisse bildeten den Rahmen für die unterschiedlichen Shootings der Fotografen. Ein intensiver Austausch mit den polnischen Fotografen und Mappenschauen rundeten den Workshop ab, dessen Ergebnisse sowohl in Polen als auch in Wiesbaden gezeigt wurden.


Mit vier Ausstellungsorten, neben Lichtbild und Pokusa nun auch QuerFormArt und Studio_01, hatte sich die Zahl der teilnehmenden Galerien schon in diesem zweiten Jahr verdoppelt, das Rahmengeschäft Mergel zeigte außerdem Fotokunst in seinen Schaufenstern in der Herderstraße. Die Ausstellungen verzeichneten eine beinah verdoppelte Besucherzahl gegenüber dem Vorjahr, das Publikumsinteresse an den Wiesbadener Fototagen reichte schon jetzt über die Stadtgrenzen hinaus. Ein beachtlicher Anfangserfolg macht immer Lust auf mehr, und die erfreuliche Akzeptanz bei Publikum und Medien führt zu einer Eigendynamik, die von den Machern – und das sind bei einem zunächst sehr überschaubaren, lokalen Event immer nur wenige und fast immer dieselben – erst einmal sortiert und bewältigt werden muss.


Experimentelle Fotografie  I  1-2002
Für Wiesbaden sollte es eine Veranstaltung werden, bei der die Ausstellungsmacher aus einem Stadtviertel nicht als Konkurrenten, sondern gemeinsam als Kooperationspartner auftreten. Die Fotokunst sollte im Fokus stehen, nicht das Ego oder die »Kasse« des Galeristen. Apropos Finanzen: Dass die Durchsetzung einer neuen Idee immer auch mit Idealismus zu tun hat, belegt der Zuschuss aus dem städtischen Kulturetat im ersten Jahr; er betrug 500 Euro. Die damalige Kulturdezernentin Rita Thies begleitete das Fotofestival über ihre gesamte Amtszeit sehr wohlwollend und sorgte in späteren Jahren auch für eine Finanzierung, die zum Fundament der Fototage wurde. Den Anfang bildete eine Mischung aus Stadtteilfestival und Gemeinschaftsausstellung junger Galerien. Deren Zahl beschränkte sich zunächst einmal auf ganze drei neben Bergs Galerie »Lichtbild« in der Herderstraße war die Galerie Pokusa, eineinhalb Straßenecken weiter, mit dabei. Ewa Hartmann, von Beginn an Mitinitiatorin des Projekts, sorgte gleich für die erste Grenzüberschreitung, die internationale Ausrichtung der Fototage durch die Präsentation polnischer Fotokunst.

 

Zu den Gründungsmitgliedern des Vereins PhotoWork um Reinhard Berg gehörten Iris Kaczmarczyk, Ewa Hartmann sowie Birgit Glindmeier. Die Wiesbadener Fototage verstanden sich als Forum für eine von den Gesetzen des Marktes unabhängige Gegenkultur: »Wenn Kunst verkauft wird, ist sie keine mehr!« Ganz eigene, ursprüngliche und radikale Sichtweisen der teilnehmenden 17 Fotokünstler sollten stattdessen präsentiert werden. Davon wurden vier polnische Fotografen in der Galerie Pokusa ausgestellt. Frank Deubel gehörte bei den 1. Fototagen noch zum Ausstellerteam der Galerie »Lichtbild«; er war von der Idee begeistert und wechselte danach in das Organisationsteam des Vereins.

 

»Im Mittelpunkt standen die ausgestellten Fotoarbeiten, die nicht nur in den Galerien, sondern auch auf Stellwänden in der Straße präsentiert wurden. Denn PhotoWork möchte nicht nur die Rezeption von Fotografie fördern, sondern auch neue Weg in der Präsentation beschreiten. Die Fotoarbeiten sollen nicht nur in der üblichen Form der Vernissage einer kleinen Schar Eingeweihter gezeigt werden, sondern die Schwelle zum öffentlichen Raum überschreiten und diesen einbeziehen.« (Wiesbadener Kurier, 19. August 2002)


Etwa 800 Besucher wurden in den Wochen zwischen dem 17. August und 15. September gezählt. Neben musikalischen Beiträgen einem Symposium und Filmvorführungen im Fotostudio steuerte der Tanzraum von Ute Bühler eine Performance zum Begleitprogramm bei.

Text: Michael Gros und Frank Deubel